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Maren Janka Hopp Maren Janka Hopp 23. März 2026 #Tech

Inspektion bei über 200 °C: Wie Robotik Stillstandszeiten in Kraftwerken reduziert

Ausgangssituation: Hoher Aufwand für notwendige Inspektionen

In vielen Kraftwerken sind regelmäßige Inspektionen von Kesselanlagen unverzichtbar, um einen sicheren und effizienten Betrieb zu gewährleisten. Diese Inspektionen stellen Betreiber vor eine große Herausforderung: Bevor Menschen die Anlage betreten können, muss sie vollständig abgekühlt sein. Der Abkühlprozess ist zeitintensiv und kann je nach Anlage viele Stunden oder sogar mehrere Tage in Anspruch nehmen. Dies führt dazu, dass die Stillstandszeit häufig deutlich länger ist als die eigentliche Inspektion.

Für die Betreiber bedeutet dies nicht nur organisatorischen Aufwand, sondern vor allem wirtschaftliche Verluste. Jede zusätzliche Stunde Stillstand hat direkte Auswirkungen auf die Produktivität und damit auf die Kosten. Gleichzeitig besteht weiterhin ein Bedarf an präzisen und verlässlichen Inspektionsdaten, um den Zustand der Anlage fundiert bewerten zu können.

Technische Herausforderung: Extreme Bedingungen im Kessel

Vor diesem Hintergrund wurde bei der AI Robotic GmbH eine Lösung entwickelt, die genau an diesem Engpass ansetzt. Das Ziel bestand darin, Inspektionen auch unter Bedingungen zu ermöglichen, unter denen ein menschlicher Einsatz noch nicht denkbar ist.

Die technische Herausforderung war erheblich. Innerhalb der Kessel herrschen Temperaturen von über 200 °C, die Sichtverhältnisse sind eingeschränkt, die Umgebung ist eng und komplex, und klassische Navigationsmethoden wie GPS stehen nicht zur Verfügung. Gleichzeitig müssen präzise Daten erfasst werden, die eine zuverlässige Bewertung des Anlagenzustands ermöglichen.

Die Lösung: Ein spezialisierter Inspektionsroboter

Das Ergebnis ist der sogenannte „Boiler Rover", ein speziell entwickelter Inspektionsroboter für Hochtemperaturumgebungen.

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Der Roboter wurde gezielt auf diese Anforderungen ausgelegt. Er ist in der Lage, sich auch unter hohen Temperaturen sicher innerhalb der Anlage zu bewegen und kombiniert verschiedene Sensorsysteme, um seine Umgebung zu erfassen. Neben einer klassischen Kamera kommen Wärmebildtechnik und LiDAR zum Einsatz. Diese ermöglichen eine räumliche Orientierung auch ohne externe Navigationssysteme. Zusätzlich erfasst der Roboter relevante Parameter wie Gaswerte, Druck und Temperatur und stellt diese Daten in Echtzeit zur Verfügung. Je nach Anforderung kann das System entweder autonom agieren oder gezielt ferngesteuert werden.

Unser Ansatz: Vom Problem zur Lösung (4P-Modell)

Die Entwicklung des Boiler Rovers folgte einem strukturierten Vorgehen, das bei AI Robotic als 4P-Modell angewendet wird.

Ausgangspunkt war die konkrete Problemstellung im Betrieb: Die Abkühlzeit der Anlage stellte einen Engpass dar, der sowohl zeitlich als auch wirtschaftlich relevant war. In der Folge wurde untersucht, ob und wie sich dieses Problem technisch lösen lässt. Im Rahmen einer Machbarkeitsanalyse wurden verschiedene Ansätze bewertet und hinsichtlich ihrer Umsetzbarkeit, ihres Nutzens und möglicher Risiken eingeordnet.

Auf dieser Grundlage wurde ein erster funktionsfähiger Prototyp entwickelt und unter realen Bedingungen getestet. Das Ziel bestand darin, ein System zu entwickeln, das sich nicht nur theoretisch bewährt, sondern auch im praktischen Einsatz überzeugt. Nach erfolgreichen Tests wurde der Prototyp weiterentwickelt und schrittweise zu einem robusten, einsatzfähigen System ausgebaut, das sich in bestehende Abläufe integrieren lässt.

Kesselrover-2.png

Ergebnis: Weniger Stillstand, mehr Sicherheit

Im ersten praktischen Einsatz wurde der Nutzen deutlich ersichtlich. Durch den Einsatz des Roboters konnte die Inspektion durchgeführt werden, während die Anlage noch hohe Temperaturen aufwies. Dadurch entfiel ein Großteil der sonst notwendigen Abkühlzeit, und die gesamte Inspektion konnte deutlich früher abgeschlossen werden. In einem konkreten Fall bedeutete dies, dass die Auswertung der Anlage einen ganzen Tag früher vorlag als bei einem herkömmlichen Vorgehen.

Neben der Zeitersparnis ist auch der Sicherheitsaspekt von entscheidender Bedeutung. Der Einsatz von Robotik reduziert die Notwendigkeit, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in potenziell gefährliche Umgebungen zu schicken, und trägt so dazu bei, die Risiken im Betrieb zu minimieren.

Ausblick: Potenziale über den Einzelfall hinaus

Das Projekt veranschaulicht das Potenzial, das in der Kombination aus Robotik, Sensorik und anwendungsnaher Entwicklung liegt. Insbesondere in Bereichen, in denen extreme Bedingungen herrschen oder Prozesse bisher nur unter hohem Aufwand möglich sind, eröffnen sich damit neue Möglichkeiten.

Die betreffenden Ansätze sind nicht nur im Kraftwerkssektor von Relevanz, sondern finden auch in anderen Industriezweigen Anwendung, beispielsweise in der chemischen Produktion, der Metallverarbeitung oder der Abfallwirtschaft.

Fazit: Technologie als konkreter Problemlöser

Der Boiler Rover steht damit stellvertretend für einen Ansatz, bei dem technologische Lösungen nicht isoliert, sondern direkt aus konkreten betrieblichen Herausforderungen heraus entwickelt werden. Von der ersten Analyse über die Entwicklung bis hin zur Umsetzung im realen Einsatz entsteht so ein System, das nicht nur technisch funktioniert, sondern auch einen messbaren Mehrwert im Alltag liefert.